
Hunde
Zeit für Empfindungen,
Bedürfnisse, Kommunikation
Bedürfnisse, Kommunikation
Der Hundeerzieher
Man nennt ihn Anton Fichtlmeier.
Er wohnt bei München, in einem schönen alten Haus mit himmelblauen Fenstern. Er ist 50. In dieser Zeit war er und ist immer noch: Schauspieler, Musiker, Fotograph, Rhythmik- und Gitarrelehrer, Landwirt, Hundetrainer und Hundeerzieher. Nach 25 Jahren der Abrichtung stellte er fest, dass in den bisherigen Methoden der Kontakte zwischen Mensch und Hund ein Fehler stecken muss. Er beschloss, diesen zu finden und zu verbessern. Somit schloss er mit der Hundedressur ab. Er begann mit den Hunden zu sprechen.
Die Fremdsprachen
Der wichtigste Fehler des Menschen ist den Hund in einer Sprache anzureden, die dieser nicht begreift. Ein riesiges Missverständnis das der Faulheit, dem Übermut und der Ignoranz des Menschen entspringt.
‚Wie denn!’ - empören wir uns - ‚der Hund soll doch verstehen, was zu ihm gesagt wird! Man kann es ihm doch schnell beibringen! Er lässt sich leicht unterordnen und konditionieren!’
Daraus folgen die sture Zuneigung des Menschen an die Befehlsworte und das Glauben an die Wirklichkeit der Abrichtung.
Dazu meint Fichtlmeier: „Menschen kommunizieren mit den Hunden immer noch in der falschen Sprache, sie sprechen ‚menschisch’ mit ihnen und bemühen sich oft nicht einmal das Anderssein der Hundesprache wahrzunehmen“.
Die Natur und die Kultur ermöglichten uns - den Menschen - zwischen der verbalen und der nonverbalen Sprache Zeit und Raum zu unterscheiden. Dadurch können wir unsere Emotionen oder Überzeugungen ohne den Körpereinsatz ausdrücken. Wir telefonieren miteinander, senden Briefe auf Papier oder E-mail, wir lesen Bücher, die vor vielen Jahren oder weit entfernt geschrieben wurden. Worte verstehen wir immer und das unabhängig davon von wem, wie und in welcher Situation sie ausgesprochen wurden.
In der Hundesprache gibt es diese Aufteilung nicht, dafür ist eine unvorstellbare Zusammengehörigkeit da: das Handeln, die Bedeutung und ihre Interpretation sind untrennbar. Die Hunde- und die Menschengespräche ohne Worte unterscheiden sich deutlich: anders ist das Tempo des Ausdruckes und des Ablesens des Sinnes, es ist bei Hunden um vieles schneller und besser. Während des Gespräches wird sein Körper maximal ausgenützt - jeder Teil hat etwas zu sagen.
Die größte Barriere in der Verständigung zwischen Mensch und Hund ist der Geruchssinn. Wenn Hunde sich dank diesem Sinn unterhalten, kann der Mensch lediglich vermuten und Reaktionen der Hunde nur aus der Beobachtung lernen. Er wird sie nie direkt verstehen können. Und doch ist es der Hund der keine Chance hat, die menschliche Sprache zu lernen.
Fichtlmeier sagt: „Es sei nicht einfach. Die Kenntnis der Sprachregeln der Hunde reicht dabei nicht aus. Notwendig ist noch eine spezifische Art der Aufmerksamkeit und der Betrachtung das Anderssein eines anderen Wesens wahrzunehmen. Man muss sich sehr bemühen um die in unsere Richtung gesendeten Signale zu hören“.
Dieses Prinzip gilt aber sowohl in der Welt der Hunde wie in der des Menschen.
Die Hundedominanz
Die sozialen Grundsätze der Hunde sind vollständig undemokratisch. Am wichtigsten ist das Rudel. Das Individuum ist der Frage seines Überlebens untergeordnet. Jedes Einzelwesen spürt instinktiv das Bedürfnis ein Teil der Gruppe zu sein, in der es auch seine Position und Rolle hat. Daraus ergibt sich die Spezifik der Hundeorganisation, die sich an die Hierarchie und die vollständige Dominanz des Anführers anlehnt. Die Rolleneinteilung ist nicht automatisch - ihr geht der Kampf um die Macht voraus. Anführer wird der stärkste, der sich alle anderen untergeordnet hat.
Doch ist die Dominanz nie nur ein Ziel als solches, sie ist nicht nur die Macht aus Vergnügen - sie ist ein Instrument, welches das Überleben der einzelnen Individuen von perfektester Genzusammensetzung sichert.
Die Hierarchie wird bei jeder Begegnung erneuert und bestätigt. Immer wieder wird der volle Zyklus des Gespräches wiederholt: Muskelspannung, beidseitige Kennzeichnung der nächsten Gegend (des Reviers), das Ablesen der Spuren des anderen und der Information, wer wer ist und schließlich Entscheidung über die Unterwerfung oder weitere Manifestation der Kraft. Es erinnert etwas an ein Duell im Wilden Westen, während dessen gar kein Schuss abgefeuert wird und trotzdem klar ist wer gewann.
Fichtlmeier liebt Hunde dafür, dass sich die Dominanz in ihren Beziehungen auf Ruhe und nicht auf Gewalt gründet. Der Anführer des Rudels liegt seelenruhig auf einem Stein, dreht manchmal seinen Kopf und knurrt leise „ grrr! Still sein!“. In der Hundesprache ist Nervosität ein Zeichen der Schwäche - wirklich wichtig sind Ausgeglichenheit, Selbstbewusstsein und Unnachgiebigkeit.
Diese Charaktereigenschaften ermöglichen Dominanz ohne tatsächlichen Kampf. Jeder Versuch der Aggression würde eine Herablassung zu dem Niveau des wutschnaubenden also schwächeren Gegners bedeuten. Nicht die Größe also, sondern der Charakter und die Geisteskraft spielen hier die ausschlaggebende Rolle.
Gut sozialisierte und erzogene Hunde wissen sich mit anderen Hunden zu verständigen. Schlecht sozialisierte und erzogene Hunde können die diplomatische Sprache der kampflosen Dominanz nicht verstehen und streben in einer Stresssituation die Konfrontation um jeden Preis an.
Aus der Sicht des Hundes ist seine menschliche Familie auch ein Rudel in dem jeder seinen Platz und die damit verbundenen Pflichten hat. Üblicherweise ist der Mensch sein natürlicher Anführer, was sich aus dessen psychischer Kraft, die der Hund anerkennt und der er sich unterwirft, ergibt.
Wenn dem Hund sein Platz in dem Familienrudel nicht klar gezeigt wird, wird er sich selbst eine Rolle zuordnen. Wenn er dann zu stark wird und sich nicht bändigen lässt, wird er selbst zum Erzieher: zuerst unterwirft er sich die Kinder - sie lassen sich am leichtesten beherrschen, weil sie psychisch noch nicht endgültig geformt sind - und dann die Erwachsenen. Dabei haben verschiedene Hunderassen verschiedene Charaktere, Temperamente und psychische Kräfte.
„Der Mensch“, meint Fichtlmeier, „muss sich die Wahl des Hundes, der Mitglied seiner Familie werden soll, sehr gut überlegen“.
Die sozialen Fähigkeiten eines 14 Wochen alten Welpen sind bereits vollständig ausgebildet. Der Hund entwickelt sich unheimlich schnell.
Fichtlmeier sagt, dass es der Mensch ist, der mit der geistigen Entwicklung seines Hundes Schritt halten muss.
Der Mensch herrscht
Manche Menschen verstehen nur teilweise die Philosophie und Handlungen Fichtlmeier’s - sie spüren aber, dass sie etwas Ungewöhnliches, Frisches, Anziehendes berühren. Sie lernen, dass die Beziehung zum Hund ein jahrelanger Prozess ist, indem das gegenseitige Vertrauen und Verständnis aufgebaut werden. Und es geht dabei nicht um spektakuläre Umbrüche - es ist eine ununterbrochene Arbeit beider Partner.
Wenn dies dem Menschen bewusst wird, ist er entsetzt, dass ihn solch ein schwieriges Werk erwartet. Doch gleichzeitig spürt er Freude der Entdeckung von etwas Tieferem. Er bemerkt, dass es in Wirklichkeit das Problem der „menschlich“ verstandenen
Dominanz - Macht nur der Macht wegen, Macht die etwas beweisen soll, Macht die Kraft zeigt - gar nicht gibt. Ja, der Mensch ist der Anführer des Rudels und er trägt gleichzeitig volle Verantwortung für dieses Rudel, darunter auch für seinen Hund. Er muss für seine richtige psychische und physische Entwicklung sorgen. Diese Verantwortung ist schwierig.
Fichtlmeier
Die Dressur ist im Gegensatz zur Erziehung nicht flexibel. Und Fichtlmeier weiß, dass jeder Hund anders ist, dass es keine fertigen Rezepte für den Umgang mit Hunden gibt. Er betrachtet sie individuell, indem er sie aufmerksam beobachtet und intuitiv ihre Charaktere und Eigenschaften erkennt.
In der Dressur gibt es diesen Austausch, diese Gegenseitigkeit meistens nicht: der Mensch bemüht sich nicht seinen Hund zu verstehen - der Hund kann den Menschen ebenso wenig begreifen.
Die Sprache der Befehle ist eine Sprache der „menschlich“ verstandenen Dominanz, des Zwangs. Befehle sind lediglich abstrakte Worte, die mit der Körpersprache meistens nichts gemeinsam haben. Sie versagen schnell in Stresssituationen. In einem Zustand gewaltiger Emotionen vergisst der Hund oft auswendig gelernte Parolen.
Aus diesem Grund hat Fichtlmeier die Dressur verworfen. Er meint der Hund soll den Willen und nicht das Muss haben, sich so oder so zu verhalten.
Die Erziehungsmethoden Fichtlmeier’s beweisen, dass sich der Hund den ganzen Kontext einer konkreten Situation und nicht nur eines einzelnen und abstrakten Kommandos aneignen kann.
Er lehrt Hunden weitere Möglichkeiten ihre Kraft zu zeigen oder Signale anderer abzulesen. Auf diese Art und Weise lernen Hunde (und auch Menschen) Kompromisse.
Die Schule Fichtlmeier’s ist ein Spielplatz für Hunde, auf dem sie kampflose Lösungen des Dominanzproblems in künftigen Situationen der realen Gefährdung lernen. Es ist ein Kurs der diplomatischen Sprache, die zwar sehr nachdrücklich und eindeutig, doch um keine Anwendung der Aggression bemüht ist.
Im Grunde genommen sind die Kurse Fichtlmeier’s für Hundebesitzer gedacht. Es werden ihnen universelle Regeln der Hundesprache und wertvolle Informationen über ihre Schützlinge vermittelt: z.B. welchen Charakter haben sie, was und wen mögen sie, was haben ihre spezifischen Reaktionen zu bedeuten, wie kann man seinen Körper im Gespräch mit dem Hund einsetzen.
Fichtlmeier will den Menschen die Fibel der Hundesprache eröffnen. Sie lernen von ihm nur soviel sie nehmen wollen. Er gewährt keine Garantien. Er verkauft kein Produkt. Er öffnet einfach früher nicht bemerkte Türen, er reicht dazu Schlüssel für Schlüssel.
Er öffnet ihnen ihre Augen nur so weit wie sie es zulassen. Nach dem Kurs können sie ganz gut die andere Art und Weise des Redens von Hunden beobachten.
Oftmals wird das neu Gelernte die Duselei von früher unmöglich machen, denn sie sehen was für sie vorher unzugänglich war.
Den Menschen beizubringenden andere Wahrzunehmen - einen Menschen oder einen Hund - ist der größte Erfolg Fichtlmeier’s.
Fichtlmeier wird nie ein Hund werden und er weiß es ganz genau.
Wir bedanken uns für die freundliche Erlaubnis von Magdalena Raczynska diesen Artikel veröffentlichen zu dürfen.